Kosmetik: Getestet? Ja – aber wie?
Kosmetikprodukte gelangen nicht ungeprüft in den Handel und auf die Haut. Analyse- und Bewertungsmethoden von Inhaltsstoffen gibt es inzwischen viele, doch nicht alle gelten als zuverlässig und ethisch unbedenklich. Die „informiert!“-Redaktion hat sich nach dem aktuellen Forschungsstand erkundigt. Auf dieser Seite finden Sie Informationen, die über den Artikel in unserem Kundenmagazin hinausgehen.
Klinische Studien an freiwilligen Menschen
Kranke sowie gesunde Menschen werden in erster Linie mit Blick auf die relevanten Prozesse beobachtet, die von den zu Testsubstanzen ausgelöst werden. Zum Einsatz kommen unter anderem Blutanalyse, Ultraschall und Magnetresonanztherapie. Auch die Beobachtung ganzer Menschengruppen (Bevölkerungsstudien, Epidemiologie) und die Untersuchung von Verstorbenen (Obduktion) können hilfreich sein – die Bandbreite ist groß. Ein Vorteil klinischer Studien ist, dass Produkte direkt auf ihre Wirkungen im menschlichen Organismus untersucht werden – dort, wo sie später auch angewendet werden sollen. Ein Nachteil: Mit unterschiedlichem Alter, Geschlecht und körperlicher Verfassung kann die Wirkung einer Substanz variieren. Die Ergebnisse lassen daher kaum allgemeine Rückschlüsse zu.
Versuche an lebenden Tieren
Kosmetiksubstanzen werden an Tieren auf sechs Kriterien* getestet. Auswirkungen eines Stoffes bei Tieren lassen sich allerdings grundsätzlich nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen, wie Tierversuchsgegner bemängeln. Unter anderem funktionieren Organe und Stoffwechsel anders: Ratten und Hamster beispielsweise vertragen Asbest gut – beim Menschen erzeugen diese Minerale Krebs. Der Arzneimittelwirkstoff Paracetamol ist für Menschen verträglich, schadet aber Katzen. Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ kritisiert, dass Tierversuche nur zur Absicherung gegen Schwierigkeiten und zwecks Schadensbegrenzung durchgeführt würden. Erzeuge eine Creme beispielsweise beim Menschen Hautausschlag, könne die Firma argumentieren, dass dies in Tierversuchen nicht vorgekommen sei und das Risiko daher nicht bekannt war. Tierversuche sind dem Verein zufolge demnach weder notwendig noch geeignet, um Kosmetiksubstanzen, Arzneimittelwirkstoffe, Chemikalien und weitere Stoffe zu beurteilen. Ein weiteres Gegenargument ist Zeit: Tierversuche sind vergleichsweise teuer, können Wochen bis Jahre dauern und nur in begrenzter Anzahl parallel durchgeführt werden. Neben Versuchen an lebenden Tieren nutzen Forscher auch die Möglichkeit zur Untersuchung von Tierleichen (zum Beispiel Organe und Zellen).
In-vitro-Methoden
Als zuverlässig gelten den Forschern zufolge wissenschaftlich fundierte tierversuchsfreie und damit ethisch vertretbare Analysen. Dazu gehören unter anderem „In-vitro-Methoden“. Im Reagenzglas (lateinisch: in vitro) wird sogenannte schmerzfreie Materie gestestet: unter anderem etwa Gewebe, Zellen, Organpräparate, Mikroorganismen, Pollen und Hormone. Der Vorteil ist, dass Testsubstanzen direkt mit dem betroffenen Teil des menschlichen Körpers in Berührung kommen und Reaktionen nicht verfälscht werden. Die Systeme reagieren zum Teil empfindlicher als ein lebendes Tier. So können Einflüsse und Veränderungen ausschnitthaft untersucht werden, zudem sind die Ergebnisse rasch erhältlich und reproduzierbar. Automatisierte Zelltests beispielsweise prüfen mehrere Tausend Stoffe innerhalb binnen weniger Stunden. Nicht zuletzt sind etablierte In-vitro-Methoden in der Regel weit kostengünstiger als Tierversuche und haben eine wesentlich höhere Aussagekraft, was für den Menschen relevante Ergebnisse betrifft.
In-vivo-Versuche
…finden im lebenden Organismus statt.
In-silicio-Techniken
Die Bezeichnung stützt sich auf die lateinische Bezeichnung „silicium“. Silizium ist als chemisches Element Basis der meisten Computerchips, die aktuell auf dem Markt verwendet werden. Einige von ihnen dienen Forschern dazu, Informationen über Substanzen zu gewinnen, etwa mit Blick auf Beschaffenheit und Giftigkeit. Allerdings handelt es sich bei den Testsubstanzen überwiegend um Medikamente. Einige dieser Computermodelle basieren auf menschlichen Daten, um wahrscheinliche Wirkungen einer Substanz zu prognostizieren. Die Chips sind mit menschlichen Zellen bestückt und funktionieren wie ein Mini-Organismus. Zudem gibt es bereits zahlreiche Weiterentwicklungen dieser Computerchips, zum Beispiel einen Biochip, der aus Algen und menschlichen Zellen oder Leberenzymen betsteht. Die Testsubstanz verfärbt sich – und gibt Auskunft über den Grad der Giftigkeit. Im Vergleich zu Tierversuchen ist dieser Test um ein Vielfaches schneller: Bis zu einem Resultat vergehen ein bis zwei Tage. Es gibt sogar dreidimensionale Biochips, die wie ein winziges Labor funktionieren. Sie arbeiten mit Elektroden und der Messung von elekrischem Widerstand, sobald eine Substanz auf den Chip gelangt.
*Kosmetiksubstanzen: Sechs Kriterien in Tierversuchen
![]() | Akute Giftigkeit (Toxizität): Per Magensonde wird Ratten und Mäusen eine Substanz verabreicht. Die Reaktionen reichen von Krämpfen über Fieber bis hin zu Lähmungen. Bei einem Test auf chronische Giftigkeit wird Nagetieren die zu prüfende Sunstanz regelmäßig über mehrere Wochen verabreicht. |
![]() | Hautreizung: Kaninchen werden geschoren, um ihnen die Prüfsubstanz direkt auf die Haut zu bringen. Daraus können Entzündungen entstehen. |
![]() | Augen- und Schleimhautreizung: Die Testsubstanz wird Kaninchen in die Augen geträufelt, um festzustellen, ob sich Entzündungen oder Verätzungen bilden können. Hautallergie: Um das Immunsystem von Meerschweinchen anzuregen, bekommen sie die Prüfsubstanz in die Haut gespritzt. Kommen die Tiere nochmals mit dem Stoff in Kontakt, kann sich die Haut bei allergischen Reaktionen schmerzhaft entzünden. |
![]() | Schädigende Wirkung durch Sonnenlicht (Phototoxizität): Ratten und Meerschweinchen wird der Teststoff unter die Haut gespritzt, anschließend werden die Tiere mit UV-Licht bestrahlt. Dabei müssen sie sich in engen Plastikröhren aufhalten. Als Nebenwirkungen gelten Hautentzündungen. Dieses Kriterium kann auch ohne lebendes Tier geprüft werden, und zwar direkt an Zellkulturen: per |
![]() | „3T3-Neutralrot-Test“. Je nachdem, wie viele Zellen unter der UV-Bestrahlung absterben, wird die Substanz als mehr oder weniger giftig eingestuft. Ergebnisse aus entsprechenden Tierversuchen stimmen Studien zufolge nur zu 40 Prozent mit den vom Menschen her bekannten Daten überein. |
Weitere Informationen zum Thema Tierversuche
Verbot
Seit März 2009 dürfen an Tieren getestete Kosmetik-Rohstoffe in der Europäischen Union nicht mehr verkauft werden. Betroffen sind aber nur Substanzen, die ausschließlich der Kosmetikproduktion dienen – das gilt für rund zehn Prozent aller Stoffe. Kommt eine Substanz abseits der Kosmetik auch noch in anderen Bereichen zum Einsatz, etwa in der Industrie, sind Tierversuche erlaubt.
Zahlen
2007 wurden mehr als 2,6 Millionen Wirbeltiere in Deutschland Tierversuchen unterzogen (rund 1,6 Millionen Mäuse, etwa 500.000 Ratten, mehr als 200.000 Fische, mehr als 100.000 Kaninchen, mehr als 4000 Hunde, knapp 2500 Affen, fast 1000 Katzen). In der EU werden jedes Jahr an zwölf Millionen Wirbeltieren Experimente durchgeführt (Quelle: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz).
Weiterführende Links
www.aerzte-gegen-tierversuche.de (Verein)
www.datenbank-tierversuche.de (Dokumentation aktueller Tierversuche in Deutschland)
www.eceae.org (Europäische Koalition zur Beendigung von Tierversuchen
www.bfr.bund.de (ZEBET: Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch)
www.reach-info.de (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals; deutsch: Registrierung, Bewertung, Authorisierung und Beschränkung von Chemikalien; Umweltbundesamt)
Kosmetik-Codes
Ist ein Produkt dermatologisch getestet, wurde es im Beisein eines Dermatologen (Hautarzt) geprüft. Die Verwendung dieses Codes unterliegt keinen festen Kriterien und gibt keine Hinweise zu Testverfahren und Resultaten. pH-Hautneutral ist ein Produkt, dessen Säurewert dem gesunder Erwachsenenhaut entspricht: 5,5. Der Säuregehalt hält die Haut feucht und geschützt. Produkte mit dem Zusatz „hypoallergen“ sind aller Wahrscheinlichkeit nach für den Anwender verträglich, da ihnen keine ausgewiesenen Allergieauslöser hinzugefügt sind. Eine Garantie dafür gibt es allerdings nicht. „Parfumfrei“ bedeutet den Verzicht auf künstliche Aromastoffe – nicht aber auf natürliche, die wiederum bei empfindlichen Menschen Allergien auslösen können. Als Komedonen werden Inhaltsstoffe bezeichnet, welche die Poren der Haut verstopfen. Ein Produkt, das diesen Prozess nicht fördert, gilt als nicht komedogen.
„informiert!“-Umfrage: Das sagen unsere Leser zu Naturkosmetik
Wer ganz sicher gehen möchte, dass weder synthetische noch an lebenden Organismen getestete Inhaltsstoffe an seine Haut gelangen, kann auf Naturkosmetik ausweichen. Damit haben wir uns in der Winter-Ausgabe unserer „informiert!“ ausgiebig befasst – und unsere Leser nach ihren Ansichten gefragt. Die schönsten Auszüge aus unseren Zuschriften finden Sie hier:
„Meine Meinung zu Naturkosmetik ist einfach. Ich finde Naturkosmetik gut, weil ich von Kindesbeinen an dazu erzogen wurde, eher auf altbewährte Hausmittel zurückzugreifen als auf Chemieprodukte. Das versuche ich auch an meine Tochter weiterzugeben. Beispielsweise werden bei uns keine Lippenpflegestifte gekauft, sondern wir verwenden Honig. Natürlich gibt es auch Zeiten, in denen die Hausmittelchen nicht mehr helfen. Jetzt im Winter muss die Haut, die dem kalten Wind ausgesetzt wird, besonders gepflegt werden. Hierbei greife ich dann aber möglichst auf rein pflanzliche Produkte ohne Alkohol und Konservierungsstoffe zurück. Leider habe ich jetzt aber auch einen Bericht im TV gesehen, dass bei Kosmetikprodukten die Kennzeichnung „Bio“ gar kein Gütesiegel ist. Hier wird der Verbraucher mal wieder hinters Licht geführt. Die Verantwortung liegt also weiter in unseren Händen. Nur, wer genau die Inhaltsstoffe der Kosmetikprodukte kennt, weiß, was er kauft!“ (Marc S., Wuppertal)
„Ich finde Naturkosmetik super!“ (Julia E., Köln)
„Ich selbst benutze sehr häufig Produkte, die eng auf Naturbasis hergestellt werden. Habe selbst sehr trockene und empfindliche Haust, gerade bei viel Stress und Ärger. Wichtig finde ich, so wenig wie möglich an chemischen Produkten zu mir zu nehmen. Meine Haut beruhigt sich am schnellsten mit Naturkosmetik. Deshalb bin ich der Ansicht, dass es das Beste für meine Haut ist und ich ihr damit etwas Gutes tun kann.“ (Sandra H., Düsseldorf)
„Ich finde, es ist überaus wichtig, dass diese Informationen verbreitet werden, damit kontrollierte Naturkosmetik aus dem Schatten tritt und nicht mehr als Nischenprodukt wahrgenommen wird.“ (Petra H., Köln)
„Ich denke, es ist das Beste, was man nehmen kann und auch sollte, denn ich bin der Meinung, dass alles Chemische dem Körper nicht gut tut!“ (Marion B., Erkrath)
„Meine Erfahrungen mit Naturkosmetik erlauben mir, auf 20 Jahre zurückzublicken. Meine Haut ist strahlender und schöner: Ich tue nicht nur mir was Gutes, sondern auch der Tier- und Umwelt. Da ich feuchtigkeitsarme Haut habe, ist es mir wichtig, meiner Haut nur das Richtige an Pflege zu geben. Durch meinen Beruf im Bereich Sport/Fitness besteht durch häufiges Duschen die Gefahr, dass sie nicht nur schnell austrocknet, sondern nicht die Nährstoffe bekommt, die meine Haut braucht. Die positive Erfahrung habe ich hierbei mit Naturkosmetik gemacht.“ (Sabine K., Langen)
„Vor der Lektüre der „informiert!“ 4/2009 verband ich mit Naturkosmetik nur zwei Dinge. 1: selbstgemachten Lippenstift im Chemieunterricht, der so hart und bröckelig war, dass man sich die Lippen aufriss. 2: teuer. Ich fürchte, ich werde meine Ansichten überdenken müssen…“ (Tessa Z., Berlin)
„Ich gebe nicht weniger Geld für Pflege und Kosmetik aus. Nur kaufe ich keine Produkte mehr, die Inhaltsstoffe auf Mineralölbasis, Silikone, künstliche Duftstoffe oder andere Unzumutbarkeiten enthalten. Seitdem geht es meiner Haut gut und einem Naturkosmetikhersteller besser. Es ist schade, dass selbst solch "reine" Marken wie Nivea oder Bebe so aggressiv als besonders rein beworben werden, gleichzeitig aber nur vor billiger Chemie nur so überquellen. Ich finde es gut, dass es mittlerweile eine immer stärkere Markenvielfalt bei Naturkosmetik gibt, selbst wenn diese Produkte im Preis teilweise deutlich höher sind – aber dass sollte es einem wert sein.“ (Marc S., Bergisch Gladbach)
„Ich persönlich stehe dem Thema Naturkosmetik sehr positiv gegenüber. Schon allein der Begriff deutet auf natürliche, also in der Natur vorkommende Produkte hin. Wirkstoffe aus der Natur, die der Gesundheit oder der Verschönerung oder Pflege des Körpers dienen, sind seit Menschengedenken bekannt. Gut, dass heutzutage wieder vermehrt das Augenmerk auf solche Produkte gelenkt wird. Natürliche Rohstoffe sind sicherlich geeignet, die natürliche Hautfunktion zu unterstützen – idealerweise unabhängig vom Hauttyp und jeweiligen Lebensalter des Benutzers. Und – gesunde Haut dient auch dem allgemeinen Wohlbefinden.“ (Marion K., Bergisch Gladbach)
„Ich habe bereits Erfahrung mit diversen Produkten aus dem Bereich Naturkosmetik gemacht – allesamt waren sehr positiv. Allerdings stehen diese auch teilweise preislich erheblich höher als klassische Produkte.“ (Christian G., Solingen)
Mehr Informationen rund ums Thema erfahren Sie auf unserer Sonderseite.





